Erzbistum Köln – Aktion Neue Nachbarn – Fachtagung über ZOOM

9. Oktober 2020 Newsdesk/sam

Siegburg. In der Videokonferenz schaut man in 130 betroffene Gesichter. Claudette Azar berichtet live von der katastrophalen Situation in Syrien. Azar ist Mitarbeiterin des Jesuit Refugee Services in Kafroun, 40 Meilen von der syrischen Großstadt Homs entfernt. Im Rahmen des Syrienfachtags unter dem Titel „Was bleibt, wenn nichts mehr bleibt“, erzählt sie den Teilnehmenden aus erster Hand, wie schlimm es wirklich um Syrien und die dort lebenden Menschen steht. Ihr vernichtendes Fazit: „Alles ist schlimmer geworden. Die Menschen hier haben sich daran gewöhnt, dass der Schmerz Teil ihres Lebens ist.“ Um dann trotzdem mit brüchiger Stimme hinzuzufügen: „Wir werden die Hoffnung nicht aufgeben!“

Zu dem Online-Fachtag zur aktuellen politischen Lage in Syrien, zur Situation auf den Fluchtrouten und zur Integration syrischer Geflüchteter in Deutschland hatten die Aktion Neue Nachbarn in Kooperation mit der Diözesanstelle Weltkirche-Weltmission im Erzbistum Köln, Misereor Aachen und dem Katholisch Sozialen Institut (KSI) am 8. Oktober eingeladen. Die ursprünglich für den 18. März 2020 geplante Tagung fand digital statt. Rund 130 Mitarbeitende aus den Caritas-Migrations- und anderen Fachdiensten, Ehrenamtliche aus der Flüchtlingshilfe und Integrationsarbeit sowie interessierte Menschen syrischer Herkunft nahmen an der Veranstaltung teil. 

Nach einleitenden Worten durch Professor Ralph Bergold, Direktor des KSI, begrüßte auch Weihbischof Ansgar Puff, Bischofsvikar für die Armen und die Caritas im Erzbistum Köln, die Gäste. Er betonte die Wichtigkeit dieses Fachtages bezogen auf die unvorstellbare Situation in Syrien: „ Der Konflikt in Syrien dauert jetzt fast so lange wie der Erste und der Zweite Weltkrieg zusammen. Eine ganze Generation von Kindern hat nichts als Not, Gewalt, Zerstörung und Entbehrung kennen gelernt.“ Ihm fehle derzeit die Zuversicht, wie in Europa, in Deutschland Migration humanitär und christlich gestalten werden könne und er hoffe sehr, dass durch die Beiträge der Podiumsteilnehmer auch für ihn ein paar Erkenntnisse dabei seien, die Handlungsoptionen aufzeigten und Mut machten.

Podiumsdiskussion zeigt dramatische Lage in Syrien

Als Referenten für die Podiumsdiskussion waren neben Claudette Azar weitere spannende Experten aus aller Welt dazu geschaltet, wie beispielsweise CNN-Korrespondentin Clarissa Ward, Nahost-Expertin und Journalistin Karin Leukefeld, Karin Bräuer von MISEREOR Aachen sowie Nadim Ammann, Leiter der Diözesanstelle Weltkirche/Weltmission im Erzbistum Köln. Sie alle berichteten anschaulich von der dramatischen Lage in Syrien, dem Land, das seit nunmehr fast einem Jahrzehnt von einem Bürgerkrieg gebeutelt ist, der in Ausmaß und Dramatik weltweit seinesgleichen sucht.

Die Experten wiesen insbesondere darauf hin, dass die verhängten Wirtschafts-Sanktionen gegen das Land vor allem die Bevölkerung, die Familien und Kinder treffe, nicht jedoch Präsident Baschar al-Assad, der nicht daran denke, zurück zu treten oder Verhandlungen mit den Bürgerkriegsparteien aufzunehmen. Die Corona-Pandemie und der nahende Winter verschlimmere die Situation vor Ort außerdem. Neben der erschütternden Beschreibung von Claudette Azar, berichteten auch die anderen von Hunger und Gewalt, medizinischer Unterversorgung und zunehmenden psychischen Erkrankungen in der Bevölkerung. Und dennoch sei es erstaunlich, „mit welcher Energie die Menschen trotzdem versuchen, das Land wieder aufzubauen“, so Nahost-Expertin Karin Leukefeld.

Um Unterstützung und Versorgung vor Ort zu gewährleisten, engagiert sich auch das Erzbistum Köln über die Abteilung Weltkirche/ Weltmission. So berichtete Nadim Ammann nicht nur über das eingerichtete Spendenkonto für Beirut im Libanon, wo die verheerende Explosion im Hafen auch spürbare Folgen für den Nachbarstaat Syrien hat, sondern auch über die jahrelange Unterstützung der Gemeinden vor Ort und der Bischöfe: So werden auch für den kommenden Winter Brennstoffhilfen auf Bitten des maronitischen Bischofs gewährt, die dieser an notleidende Familien weiterreicht. Überhaupt seien die Christen im Land ein ganz wichtiger Faktor, so Karin Leukefeld. „Die Christen haben immer versucht, Hilfen und Dialog zu vermitteln. Manche haben dabei ihr Leben gelassen.“  

Bevor der Fachtag in verschiedene Workshops aufgeteilt wurde, resümierten die Experten noch ihre Antworten auf die titelgebende Frage: „Was bleibt, wenn nichts mehr bleibt?“, die letztlich alle darauf hinausliefen, dass die Solidarität mit den Menschen vor Ort und die Unterstützung nicht abreißen dürfe, um Syrien wieder zu befrieden und neu aufzubauen.

Sessions mit persönlichen Erfahrungen

In den anschließenden Sessions sprachen die Teilnehmenden über ihre persönlichen Erfahrungen nach der Einreise nach Deutschland, über die Integrationsarbeit mit Geflüchteten und die Bedeutung des kulturellen Austauschs. Es wurde Bilanz gezogen und Ausblicke erörtert. Kritisch beleuchtet wurden die Gründe für die unerträgliche Situation der Geflüchteten, die sich in den Lagern auf den griechischen Inseln befinden. Zum Abschluss des Fachtages gab es ein Online-Konzert des palästinensisch-syrischen Pianisten Aeham Ahmad: Dieser schaffte es durch sein einfühlsames Spiel und seinen ausdrucksstarken Gesang auch ohne Publikum vor Ort, bei den Zuhörenden an den Endgeräten Gänsehaut zu erzeugen.

Situation in Syrien

Mehr als neun Jahre liegt es inzwischen zurück, seitdem aus Demonstrationen gegen die syrische Regierung von Präsident Baschar al-Assad ein Bürgerkrieg entstanden ist. Schätzungen zufolge gibt es innerhalb Syriens 11 Millionen Binnenflüchtlinge, mehr als 5 Millionen Menschen haben das Land verlassen, um in anderen Ländern Asyl zu suchen. Rund eine halbe Million Syrerinnen und Syrer haben Zuflucht in der Bundesrepublik Deutschland gefunden. Viele von Ihnen im Erzbistum Köln, begleitet und gefördert von den Haupt- und Ehrenamtlichen, die im Rahmen der Aktion Neue Nachbarn des Erzbistums Köln unterstützt werden.